Web-Reportage: Kooperation mit Fachmagazin Journalist

Longform-Storytelling ist in deutschsprachigen Online-Redaktionen en vogue. Studierende des Journalistik-Studiengangs sind im Wintersemester der Frage nachgegangen, wie die Web-Reportagen und Data-Stories in der Praxis konzipiert und produziert werden.

Die Geschichten sind veröffentlicht auf der Webseite des Journalist-Magazins.

Insgesamt formt sich in den Hintergrund-Stories ein Gesamtbild, das zwar in keiner Weise repräsentativ sein kann oder will, das aber doch einen guten Eindruck davon vermittelt, wie es um die Praxis der Longform-Produktion aktuell bestellt ist. Die Details dieses Bildes sehen so aus:

  • Die redaktionelle Kompetenz im Digital Storytelling entwickelt sich in den Redaktionen, abhängig von den vorhandenen Ressourcen, in deutlich unterschiedlicher Geschwindigkeit. Das ist kaum verwunderlich: SPIEGEL, ZEIT, die Süddeutsche Zeitung und andere namhafte Redaktionen bieten teilweise bereits seit Jahren eigene Abteilungen für die Produktion aufwändigerer Multimedia-Geschichten auf. In regionalen Zeitungsredaktionen hingegen scheint das nach wie vor nur ausnahmsweise der Fall zu sein. Ablesen lässt sich das beispielsweise an den gängigen Zeitfenstern für die Recherche: So sind Reisen ins Ausland für die Longform-Reporterinnen und -Reporter beim SPIEGEL augenscheinlich nichts Ungewöhnliches. Die SPIEGEL-Redakteure Alexander Epp und Roman Höfner etwa reisten für ihre „Das Hass-Netzwerk“-Geschichte zehn Tage durch die USA, von Santa Ana nach Denver und schließlich nach Atlanta. Auch die freie Journalistin Christina Schmidt und die Fotografin Maria Feck hatten für ihre „Schweigen ist Tod“-Geschichte im SPIEGEL zehn Vor-Ort-Tage in Grönland, um dort den Gründen für die weltweite höchste Selbstmordrate nachzugehen. Zeiten für Vorrecherchen oder für die Multimedia-Programmierung sind da noch nicht eingerechnet. Andernorts muss hingegen schon mal der Jahresurlaub investiert werden, damit ein Longform-Projekt verwirklicht werden kann.
  • Das Storytelling-Tool Pageflow hat den handwerklichen Zugang für die redaktionelle Praxis deutlich vereinfacht und ermöglicht multimediales Erzählen auch ohne tiefgehende Programmierexpertise. Die Software wurde 2014 vom WDR auf der Republica in Berlin vorgestellt. Das Programm ist relativ komfortabel, einfach zu bedienen und ermöglicht ansprechende, digitale Longform-Stücke ohne aufwändigen Technik-Invest. Mit Pageflow findet digitales Storytelling auch dort statt, wo es sonst vermutlich nicht oder jedenfalls nicht so einfach zu realisieren wäre. Eingesetzt wird das Erzähl-Werkzeug beispielsweise bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und beim Weserkurier.   
  • Nicht ganz überraschend: Die „Snowfall“-Geschichte der New York Times aus dem Jahr 2012 ist so etwas wie DIE Referenz in der Evolution digitaljournalistischer Langformen. Komplexe Multimedia-Stories gab es zwar auch vorher schon, auch bei der New York Times selbst. Doch die Geschichte über ein tödliches Lawinen-Unglück in den Rocky Mountains im Nordwesten der USA ist als formprägender Impuls in etlichen Longforms wiederzuerkennen – jedenfalls im Portfolio der von den Studierenden betrachteten Geschichten. 
  • Digital Storytelling-Projekte sind in aller Regel arbeitsteilige Teamarbeit. Onlinejournalistische Workflows ähneln deshalb auch eher den Produktionsabläufen in Fernsehredaktionen. Koordination ist besonders wichtig. Etwa wenn es darum geht, die inhaltlichen Teile angemessen zu gewichten. Oder den Erzählstil einer Geschichte zu harmonisieren, wenn mehrere Autoren daran mitwirken. In Longform-Produktionen gibt es deshalb meist (mindestens) einen Menschen, bei dem alle Fäden zusammenlaufen und der die unterschiedlichen Teilaufgaben im Blick hat. Einzelkämpfer-Projekte kommen zwar vor, sind im multimedialen Erzählen jedoch Ausnahmen. Nora Burgard-Arp beispielsweise ist eine solche Ausnahme mit ihrem in Eigenregie erstellten, preisgekrönten Web-Projekt über das Thema Magersucht. 
  • Digital Storytelling erfordert eine umfassende Kompetenz im modalen Denken: Wann ist Schrift, wann ist Ton, wann ist Bewegtbild in einer zu erzählenden Geschichte der angemessene Modus? Eine ausschließlich monomediale Vermittlungskompetenz, also journalistische Fertigkeiten nur in Print, nur im Hörfunk oder nur im Fernsehen,  das ist für digitale Longform-Produktionen auch nur bedingt dienlich. Zwar muss niemand alles können, es braucht aber schon eine Ahnung davon, was alles möglich ist – und was die Nutzerinnen und Nutzern dramaturgisch erwarten.         
  • Redaktionelle Content Management Systeme waren (und sind) immer noch ein limitierender Faktor fürs Digital Storytelling. Das, was für eine Geschichte in der multimedialen Mischung und im Layout vielleicht wünschenswert ist, kann mit den gängigen Software-Tools zuweilen einfach nicht umgesetzt werden. Technische Restriktionen sind Alltag. Beim SPIEGEL hat man sich deshalb schon früh entschlossen, das Problem zumindest zu entschärfen – und eigene Tools für digitale Langformen bauen lassen, die dort seit 2014 im Einsatz sind.
  • Vielleicht die wichtigste Beobachtung: Digitales Storytelling kann Gerüchten, die sich im Web wahnsinnig schnell verbreiten und massenwirksam werden können, eine gut recherchierte Faktenberichterstattung entgegensetzen. Die Mittel dazu sind vorhanden – wie das Beispiel der Krautreporter-Geschichte zeigt über die angebliche Messer-Attacke eines Grundschülers mit Migrationshintergrund auf zwei seiner Mitschüler. Vor allem an dieser Geschichte lässt sich gut erkennen, dass digitaler Journalismus etwas Fließendes ist: Recherche und Berichterstattung begleiten das Thema für eine begrenzte Zeit, docken gewissermaßen an das Ereignis an, stellen das Wichtigste zuerst in kurzer Form dar, werden dann ausführlicher, um sich schließlich wieder davon zu lösen. Journalismus in digitalen Medien ist Journalismus im Fluss. Unabhängig von Redaktionsschlussterminen. Permanent.  

Die Liste ließe sich fortsetzen. Entscheidend ist wohl die Erkenntnis, dass digitales Storytelling inzwischen in der Praxis angekommen ist, längst nicht mehr nur bei SPIEGEL, Zeit und Co., sondern beispielsweise auch in regionalen Zeitungsredaktionen. Vor zehn Jahren war das kaum vorstellbar. Allerdings: Longforms sind oft immer noch Leuchtturm-Projekte und keine regelmäßig eingeplanten redaktionellen Standardformate. Etablierte redaktionelle Workflows sind eher die Ausnahme. Jedenfalls in den hier zusammengetragenen Geschichten hinter den Web-Geschichten.